Kein Zweifel, Schule besitzt nach wie
vor eine Schlüsselfunktion in unserer Gesellschaft, wenn
es um die Verteilung von (Lebens-) Chancen geht. Die Situation
auf dem Arbeitsmarkt generell und die ständig steigenden
Anforderungen in traditionellen und neugeschaffenen Berufsfeldern
lassen den Ruf nach einer Optimierung der schulischen Bildung
immer lauter werden. Gelang es der Schule, speziell dem Gymnasium
bis heute relativ unwidersprochen, sich auf seine traditionellen
Bildungsziele zu berufen, so hat in den letzten Jahren der gesellschaftspolitische
Druck auf die Schule erheblich zugenommen. Die "Wunderwaffe" Allgemeine
Studierfähigkeit scheint in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit,
ständig zunehmender Spezialisierung und internationalem
Konkurrenzdruck ihre Schlag- und Überzeugungskraft verloren
zu haben.
 Als der Autor dieser Zeilen nach seinem Urlaub
im September 1998 wieder an seinen Schreibtisch zurückkehrte
und dort einen Brief des Elternbeiratsvorsitzenden vorfand, in
dem dieser die Vision einer etwas anderen Schule entwickelte,
ahnte er, dass dieses Schreiben das Kurt-Huber-Gymnasium und -
was noch viel bedeutsamer ist - die dort tätigen Lehrer und
Schüler verändern könnte. Wie dem Brief u.a. zu
entnehmen war, war das Interesse der damaligen Staatsekretärin
und derzeitigen Kultusministerin, Frau Monika Hohlmeier bereits
geweckt.
Zu verlockend lasen sich offensichtlich auch
für das Bayerische Staatsministerium für Unterricht
und Kultus die Ziele:
- mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortung der Schüler;
- Einsatz neuer, motivationsfördernder Methoden des Lehrens und Lernens;
- der Lehrer als Organisator von Lernprozessen;
- Fähigkeit und Bereitschaft der Schüler, im Team zu arbeiten;
- Fähigkeit der Schüler, Wissen zu organisieren und in neuen Zusammenhängen
anzuwenden;
- Schule als Lebensraum und weniger als Ordnungsrahmen;
- Eltern als aktiv in das Schulleben einbezogene, pädagogisch Mitverantwortliche.
Die Situation

Sollte es zur Verwirklichung dieser oder zumindest
einiger dieser Zielsetzungen kommen, so musste in den Köpfen
aller Beteiligten erst einmal ein Umdenken stattfinden, ein gewiss
nicht einfacher Prozess, zumal dann nicht, wenn der Anstoß von
außen kommt. Es wäre auch töricht anzunehmen,
dass schon eine Idee alleine Menschen verändern könnte.
Letzteres ist nur möglich, wenn Lehrer, Schüler und
Eltern diese etwas andere Schule auch tatsächlich wollen.
Dieser Zeitpunkt scheint am Kurt-Huber-Gymnasium,
einem Gymnasium mit wahlweise Latein oder Englisch als erster
Fremdsprache, gekommen zu sein. Lehrerkollegium und Elternbeirat
waren sich einig, dass der globalen Kritik der Gesellschaft an
der Schule und ihren Lehrern einerseits und objektiv feststellbaren
schulpolitischen Gegebenheiten wie dem Burn-out-Syndrom und einer Überalterung
der Kollegien, der zunehmenden Bürokratisierung und Verrechtlichung
der Schule, begrenzten Haushaltsmitteln, grundlegenden gesellschaftlichen
Veränderungen (z.B. im Bereich Familie) und daraus resultierenden
höheren Ansprüchen an die pädagogischen Fähigkeiten
des Lehrers und nicht zuletzt dem Diktat eines sich ständig
verändernden Arbeitsmarktes begegnet werden müsse und
zwar ohne Qualitätsverluste.
Die besondere soziale Struktur unserer Schülerschaft
und die pädagogische Situation in den Grundschulen unseres
Einzugsgebietes erwiesen sich als nützlich für die Durchführung
eines Projekts "Neue Unterrichtsformen". So werden -
abgesehen von den beiden Montessorischulen in Großhadern
und Starnberg - bereits seit geraumer Zeit in den benachbarten
Grundschulen offene Unterrichtsformen praktiziert. Eine spezielle
Befragung der Eltern im Rahmen der Einschreibung für das
Schuljahr 1999/2000 hat dies ergeben. Hinzu kommt, dass - wie
wir bereits in der Vergangenheit immer wieder feststellen konnten,
- projektorientiertes Arbeiten zu bemerkenswerten Leistungssteigerungen
unserer SchülerInnen geführt hat.
Heute - nach einem Jahr intensiver Planung und
zahlreicher Gespräche - glaube ich sagen zu können,
dass bei zahlreichen Lehrern schon seit geraumer Zeit ein Umdenkungsprozess
in Gang gekommen ist. Noch fehlten allerdings klare und von allen
Beteiligten akzeptierte Zielvorstellungen. Der o.g. Brief des
Elternbeiratsvorsitzenden beschleunigte diese Entwicklung.
Planungsphase

Trotz gewisser Bedenken ("Wozu neue Unterrichtsformen,
wenn ich doch bisher bereits mit den traditionellen Formen des
Unterrichts erfolgreich gearbeitet habe?") entschloss sich
das Kollegium in einem beispielhaften Kraftakt, eine pädagogische
Bestandsaufnahme zu wagen. Begonnen hat diese in einer pädagogischen
Konferenz im November 1998, an der alle Lehrkräfte beteiligt
waren. Sie stand unter dem Motto "Unterrichtserfolg und Qualitätsentwicklung
- Neue Formen des Unterrichts in Jahrgangsstufe 5". Wesentliche
Ergebnisse dieser Konferenz waren
- das grundsätzliche Einverständnis,
ab Schuljahr 1999/2000 in zwei Klassen der Jahrgangsstufe 5 neue
Formen des Unterrichts in allen Fächern
zu erproben,
- die Freistellung des Besuches einer solchen Projektklasse für alle SchülerInnen,
die in die Jahrgangsstufe 5 eintreten und
- intensive fachliche und methodisch-didaktische Vorbereitung interessierter
Kolleginnen und Kollegen im Rahmen interner und externer Fortbildungsveranstaltungen.
Am 27.01.1999 fand ein Gespräch des Schulleiters
mit dem Leiter der Abteilung Gymnasium im Ministerium, Herrn MDgt
Dr. Pütterich statt. Die Grundlage für dieses Gespräch
bildete eine ausführliche Projektbeschreibung, der das gesamte
Kollegium zugestimmt hatte. Nachdem das Ministierum dieser Vorlage
mit Schreiben vom 07.04.1999 grundsätzlich gutgeheißen
hatte, konnten weitere Planungsschritte (z.B. fachliche und fächerübergreifende
Koordination, Antrag auf einen finanziellen Zuschuss der Gemeinde
zur Ausstattung der Klassenzimmer, Intensivierung der Fortbildung)
vorgenommen werden.
Einzelne Lehrkräfte übernahmen spezielle Aufgaben wie z.B.
- die Planung und Durchführung interner
und externer Fortbildungsveranstaltungen,
- die Koordination der fachlich-spezifischen und der fächerübergreifenden
Zusammenarbeit,
- Öffentlichkeitsarbeit,
- die Koordinierung der Anschaffungswünsche und die Verwaltung der für
das Projekt bereitgestellter Haushaltsmittel.
Im Rahmen des Informationsabends am 25.02.1999
wurden die Eltern der Schülerinnen und Schüler aus der
vierten Jahrgangsstufe der Grundschule ausführlich über
das Projekt "Neue Unterrichtsformen" informiert. Die
Absicht der Schule, letztere nur in je einer Latein- und Englischklasse
einzuführen, ließ sich aufgrund der Neueinschreibungen
nicht verwirklichen. Zu groß war das Interesse der Eltern.
So wird das Projekt im Schuljahr 1999/2000 in einer Klasse mit
grundständigem Latein und in zwei Kassen mit grundständigem
Englisch durchgeführt. Lediglich eine Englischklasse wird
in traditioneller Form unterrichtet.
Wesentliche Aspekte des
Projekts "Neue Unterrichtsformen"
Anhand der oben erwähnten Projektbeschreibung
soll in folgendem auf die sentlichen Aspekte des Projekts "Neue
Unterrichtsformen" etwas näher eingegangen werden.
Sowohl Elternbeirat wie Schulleitung war sich
im Klaren darüber, dass das Projekt "Neue Unterrichtsformen" nur
dann erfolgreich sein würde, wenn alle Beteiligten, nämlich
Lehrer, Schüler und Eltern bestimmten grundlegenden Prinzipien
zustimmen und sich vertrauensvoll auf zweifellos vorhandene Risiken
einlassen würden.
1.1 Situation des Lehrers
Im traditionellen Frontalunterricht verstand
sich der Lehrer als Vermittler von Wissen und Fertigkeiten. Mehr
oder weniger war der Unterricht durch seine Person geprägt.
Das Projekt "Neue Unterrichtsformen" sieht den Lehrer
als Organisator und Betreuer von Lernprozessen. Die Fähigkeit,
gruppendynamische Prozesse zu beobachten und pädagogisch
erfolgreich zu reagieren, muss ebenso vorhanden sein wie das kompetente
Eingehen auf fachspezifische Fragestellungen. Unter Umständen
erfährt sich der Lehrer selbst als Lernender und darf ruhig
einmal zugeben, dass er auch etwas nicht weiß. Damit wird
er zum Partner im Lerngeschehen. Hier ist sicherlich ein Umdenken
erforderlich, das nicht immer leicht fallen wird.
1.2 Situation des Schülers
Der Schüler trifft mit seinem Eintritt in
das Gymnasium die Entscheidung für eine anspruchsvolle und
leistungsorientierte Schullaufbahn. Mit dem bestandenen Abitur
nach einem neunjährigen gymnasialen Bildungsweg besitzt er
im Unterschied zu anderen Bildungsgängen grundsätzlich
alle Bildungs-, Ausbildungs- und Berufschancen. Um diese Voraussetzungen
zu schaffen, bedarf es erheblicher finanzieller Anstrengungen
der Gesellschaft. In Anerkennung dieser Leistungen verpflichtet
sich der Schüler, engagiert und konsequent seinen schulischen
Verpflichtungen nachzukommen. Das Projekt "Neue Unterrichtsformen" gibt
die Möglichkeit, zu mehr Eigenverantwortlichkeit, Kreativität
und Aufgeschlossenheit.
1.3 Situation der Eltern
Die Eltern, die laut BayEUG zur vertrauensvollen
Zusammenarbeit mit der Schule verpflichtet sind, beschränken
sich bislang weitgehend darauf, in Problem- und Konfliktfällen
mit der Schule Kontakt aufzunehmen.
Ziel dieses Projektes ist es u.a., die Eltern offiziell in den Lernprozess
einzubinden. Bereits bei der Einschreibung haben sie sich mit ihrer Unterschrift
verpflichtet, an regelmäßigen Treffen im Arbeitsraum der Klasse
teilzunehmen und diesen aktiv mitzugestalten. Sie ermöglichen darüber
hinaus durch freiwillige Spenden, dass die Voraussetzungen für ein selbstverantwortliches
Lernen geschaffen werden. Bei Problemen unterschiedlicher Art werden die Eltern
zum frühestmöglichen Zeitpunkt einbezogen.
2. Der organisatorische Rahmen
Eine wesentliche Überlegung bei der Entwicklung
des Projekts "Neue Unterrichtsformen" war die, dass
neue formen des Lehrens und Lernens in einer neuen Umgebung und
unter veränderten Bedingungen stattfinden müssen.
2.1 Das Klassenzimmer
Jede Klasse, die an dem Projekt teilnimmt, besitzt
ihr eigenes Klassenzimmer, das sie selbst gestaltet. Zu bedenken
ist, dass aus naheliegenden Gründen die betreffende Klasse "ihr" Klassenzimmer
nicht neun Jahre behalten kann. Diese Tatsache setzt der Ausgestaltung
Grenzen, z.B. was die Gestaltung der Wände und/oder bauliche
Veränderungen betrifft. Der Klassenraum wird zu einem für
die Klasse individuellen Arbeitszimmer umgestaltet. Genügend
Regalfläche mit ausreichender Tiefe dient der Aufbewahrung
aller wichtigen Hilfsmittel. Der Arbeitstisch der Lehrkräfte
steht nicht frontal zur Klasse, stellt also keine Barriere zwischen
Schülern und Tafel dar, sondern befindet sich am Rand. Die
Arbeitstische der Gruppen sind auf den Raum verteilt. Genügend
Pinflächen an den Wänden dienen dazu, Arbeitsergebnisse,
Mitteilungen, aktuelle Informationen u.ä. aufzunehmen. Mittelfristig
betrachtet soll jede Klasse, die an dem Projekt teilnimmt, einen
Computer mit Drucker und CD-Rom-Laufwerk erhalten.
Die für einen erfolgreichen Start des Projekts "Neue
Unterrichtsformen" benötigten finanziellen Mittel wurden
von der Gemeinde Gräfelfing auf einen entsprechenden Antrag
des Elternbeirates in großzügiger und völlig unbürokratischer
Weise bewilligt. Die Haushaltsmittel für den normalen Sachaufwand
waren davon nicht betoffen.
2.2 Klassengröße
Die derzeitigen Richtzahlen (33 für die
Jahrgangsstufen 5 bis 9 und 32 für die Jahrgangsstufe 10)
erscheinen für das geplante Projekt als zu hoch. Bestätigt
wird dies von Lehrkräften, die bereits Erfahrungen mit neuen
Unterrichtsformen gesammelt haben. Wünschenswert wäre
eine Klassengröße, bei der sechs, maximal sieben Vierergruppen
gebildet werden können. Aufgrund der Einschreibung war es
am Kurt-Huber-Gymnasium glücklicherweise möglich, eine
Obergrenze von 28 Schülern einzuhalten.
2.3 Anordnung und Zusammensetzung der Gruppen
Grundsätzlich hat es sich bewährt,
geradzahlige Gruppen zu bilden. Vermeiden werden sollten Dreiergruppierungen.
Jede Gruppe wählt ihren Gruppensprecher, der für den
organisatorischen Ablauf, die Zeiteinteilung und die Präsentation
der Ergebnisse verantwortlich ist. Bei der Zusammensetzung der
Gruppen sollte der Lehrer in pädagogisch begründeten
Fällen eingreifen. Ziel ist es, dass alle Schüler der
Gruppe ein Höchstmaß an Motivation und Förderung
erhalten. Erkenntnisse der Lern- und Verhaltenspsychologie sind
dabei zu berücksichtigen.
2.4 Stundenplangestaltung
Bereits vorliegende Erfahrungen mit den verschiedenen
Formen einer offenen Unterrichtsgestaltung zeigen, dass sich Arbeits-
und Lernprozesse nur schwer in einen 45-Minuten-Rahmen einpassen
lassen. Es erscheint daher notwendig, Doppelstunden einzuführen.
Eine Arbeitsgruppe wurde damit beauftragt, für die einzelnen
Fächer Stundenplankonzepte zu entwerfen, die ein sinnvolles
Arbeiten ermöglichen.
2.5 Pädagogische Gespräche
Nicht nur die Schüler, sondern auch die
Lehrer arbeiten im Team. Der gegenseitige Gedanken- und Erfahrungsaustausch
muss zu einer ständigen Einrichtung werden. Diese Gesprächsrunden
der Lehrer sollten zeitlich günstig plaziert und ökonomisch
durchgeführt werden. Mit einem kurzen Informationsaustausch
zwischen Tür und Angel bzw. einem Pausenplausch wird es allerdings
nicht getan sein. Vielmehr werden sich - vor allem in der Anfangsphase
- die in den Projektklassen unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen
einmal wöchentlich im Anschluss an den Unterricht zu einem
Jourfix treffen müssen.
Bei der Erörterung bzw. Lösung pädagogischer
Probleme tritt das Klassenforum zusammen, das aus Lehrern, Schülern
und Eltern besteht. Die dort besprochenen und beschlossenen Maßnahmen
sind für alle Beteiligten bindend. Über jede dieser
Klassenforen ist ein Ergebnisprotokoll anzufertigen, das im Klassenzimmer
ausgehängt wird.
3. Inhaltliche Voraussetzungen
Die anfängliche Skepsis des Kollegiums betraf
fast ausschließlich den inhaltlichen Bereich. Einige immer
wieder geäußerte Fragen machen dies deutlich: Wie kann
die Stofffülle im einen oder anderen Fach bei der Anwendung
neuer (zeitintensiver) Unterrichtsformen bewältigt werden?
Gibt es überhaupt Unterrichtswerke bzw. Materialien, die
eine Anwendung offener Unterrichtsformen vorsehen? Wie soll fächerübergreifende
Zusammenarbeit nun plötzlich möglich sein, wenn sie
doch bisher schon nicht geklappt hat? Wie kann eine im Team erstellte
Leistung, bezogen auf das einzelne Mitglied der Gruppe, objektiv
beurteilt werden?
3.1 Lehrpläne
Grundlagen für die Unterrichtsplanung sind
die Rahmenpläne für die einzelnen Fächer und Jahrgangsstufen,
wie sie im KWMBl So.-Nr. 3/1990, S. 127 ff. veröffentlicht
sind und in Ergänzung dazu die jeweiligen Fachlehrpläne.
Fachschaftsinterne Arbeitsgruppen haben bereits Schwerpunkte festgelegt,
die dann für den jeweiligen Fachlehrer bindend sind.
3.2 Fächerübergreifende Zusammenarbeit
Durch Absprache zwischen den Lehrkräften
der verschiedenen Fächer werden fächerübergreifende
Projekte, an denen zwei oder mehr Fächer beteiligt sind,
abgesprochen. Zur Absprache gehören auch zeitlicher Rahmen,
Formen des Team-Teaching und eine evtl. über den Rahmen des
Unterrichts hinausreichende Zielsetzung (z.B. öffentliche
oder schulinterne Ausstellung, Literaturzirkel, Lesung, Klassenkonzert,
Erstellung eins Märchenbuches u.ä.).
3.3 Lehrbücher, Unterrichtsmaterialien
Die zur Verfügung stehenden Lehrbücher
und Unterrichtsmaterialien sind zumindest teilweise nur bedingt
für offene Unterrichtsformen geeignet. Sicher muss bei der
Verwendung des Vorhandenen sowohl didaktisch als auch methodisch
umgedacht werden. Aus der Sicht der einzelnen Fächer notwendige
Materialien (z.B. Printmedien und Software) müssen beschafft
werden. Erfahrungen anderer Schulen haben gezeigt, dass die Erarbeitung
bestimmter Unterrichtsmaterialien durch den Lehrer bzw. die Lehrer
einer Fachschaft unumgänglicher sein wird (z.B. die Formulierung
von Aufgaben auf Karten, die den SchülerInnen sowohl in der
Einzel- als auch in der Gruppenarbeit zur Verfügung gestellt
werden). Eine Erarbeitung solcher Materialien sollte aus zeitlichen
und qualitativen Gründen im Team erfolgen.
Neben der Verwendung lernmittelfreier Unterrichtsmaterialien
sollte in jedem Klassenzimmer für die dort unterrichteten
Fächer eine Anzahl von Fachbüchern, Nachschlagewerken,
Zeitschriften, Software etc. bereitstehen. Vorschläge für
die Beschaffung von Fachliteratur können, ja sollen (vor
allem in höheren Jahrgangsstufen) auch von Schülern
gemacht werden. Es muss gewährleistet sein, dass zusätzliche
Unterrichtsmaterialien, die zwar (noch) nicht genehmigt sind,
jedoch der Realisierung der im Lehrplan vorgesehenen Ziele und
Inhalte dienen, im Unterricht Verwendung finden können.
3.4 Leistungserhebung
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass
es nach wie vor schriftliche, mündliche und praktische Leistungsnachweise
geben wird. Bei der Art und Anzahl der schriftlichen Leistungerhebungen
kann der Spielraum genutzt werden, den die Schulordnung für
die Gymnasien in Bayern jetzt schon vorsieht und er auch auf das
zweite Halbjahr ausgeweitet werden sollte. Zu überlegen ist,
wie Leistungen, die im Team erbracht wurden, zu bewerten sind.
Allerdings sind auch in der Vergangenheit schon überall dort,
wo projektorientierter Unterricht mit Gruppenarbeit praktiziert
wurde, Leistungen der einzelnen Mitglieder der Gruppe bewertet
worden.
4. didaktische überlegungen
Als das Projekt "Neue Unterrichtsformen" von
der Schulleitung den Mitgliedern des Schulforums vorgestellt wurde,
kam es zu einem erstaunlichen Dissens. Während die Lehrer-
und Elternvertreter dem Projekt vorbehaltlos zustimmten, meldete
der erste Schülersprecher, ein kurz vor Beendigung einer
erfolgreichen Schullaufbahn stehender Schüler, bedenken an.
Als Begründung gab er an, dass er mit der herkömmlichen
Form des Unterrichts sehr gut gefahren sein. Übersichtlich
portionierte Lerneinheiten seien ohne großen Aufwand zu
bewältigen gewesen, was sich in guten Noten niedergeschlagen
habe. Im übrigen lege er großen Wert darauf, dass seine
individuelle Leistung auch als solche erkennt und bewertet würde.
Sieht man diese Aussage freilich vor dem Hintergrund einer kürzlich
vom Personalchef eines weltweit operierenden High-Tech-Unternehmens,
dass nämlich kein einziges, in den letzten Jahren entwickeltes
Produkt dieser Firma das Ergebnis einer Individualleistung, sondern
ausschließlich in Teams erarbeitet wurde, so zeigt sich
das Dilemma, in dem das Gymnasium heute steckt. Wenn ich im Folgenden
kurz auf das Spezifische traditioneller und neuer Formen des Unterrichtens
eingehe, so sei schon ein Ergebnis aus den verschiedenen pädagogischen
Gesprächen der am Projekt beteiligten Kolleginnen und Kollegen
vorweggenommen. Neue Unterrichtsformen werden traditionelle Formen
des Unterrichts wie Unterrichtsgespräch, Lehrervortrag etc.
nicht völlig ersetzen können. Nach wie vor wird der
Lehrer entscheiden, welche Unterrichtsform in der jeweiligen Situation
am geeignetsten ist.
4.1 Traditionelle Unterrichtsformen
Traditioneller Unterricht ist ein generell vom
Lehrer gesteuerter Unterricht. Ein solcher Unterricht führt
zu einer mehr oder minder ausgeprägten Passivität der
Schüler. Auf einzelne und deren Lern- und Verständnisschwierigkeiten
kann die Lehrkraft nur bedingt eingehen. Wissenserwerb wird weitgehend
auf Wissenskonsum beschränkt und nur in Ausnahmefällen
ist es dem Schüler möglich, sich mit Hilfe von Mitschülern
oder eigenständig ein Problem zu erarbeiten. Durch einschlägige
Untersuchungen wissen wir, dass die Aufmerksamkeitsspanne, die
man von Schülern erwarten kann, weit geringer als der normale
Stundenrahmen von 45 Minuten ist, vor allem dann, wenn sich seine
Teilnahme lediglich auf passives Zuhören beschränkt.
Es bedarf einer großen Energie, das von Lehrern vorgetragene
wissen zu verstehen und zu behalten. Selbstgewonnene Erkenntnisse
werden ohne allzu große Mühe im Gedächtnis bleiben.
Außerdem wird auch der Prozess, der zu der Erkenntnis geführt
hat, abgespeichert und ist somit leicht wiederholbar.
Ein großes pädagogisches Problem,
mit dem wir Lehrer vor allem in der Mittelstufe immer wieder konfrontiert
werden, ist der sogenannte "Streber". Wenn es sich hierbei
auch um ein vielschichtiges pädagogisches und gesellschaftliches
Problem handelt, so besteht doch kein Zweifel, dass der Frontalunterricht,
der die Schüler zu Konkurrenten macht, dieses Phänomen
noch verstärkt. Um dieser Konkurrenzsituation zu entgehen,
passen sich nicht nur leistungsschwächere Schüler nach
unten an, in dem sie bewusst auf einen größeren persönlichen
Einsatz und den daraus resultierenden Erfolg verzichten.
Im traditionellen Unterricht werden sowohl die Fragen als auch die richten
Antworten vorgegeben. Dies führt immer wieder zu der berühmten und
dem Lehrer verhassten Schülerfrage "Wozu soll ich das lernen?".
Bevor die Motivation geweckt werden kann, ein Problem zu lösen, muss erst
einmal ein Bewusstsein für das Problem selbst geschaffen werden. Dazu
sollen die "Neuen Unterrichtsformen" dienen.
4.2 Neue Unterrichtsformen
Neue Unterrichtsformen sind so neu gar nicht.
Sowohl in der einschlägigen didaktischen Literatur als auch
im schulischen Unterricht werden diese beschrieben bzw.. praktiziert.
In jedem Fall soll der Schüler lernen, eigenverantwortlich
allein oder im Team Aufgaben zu lösen. Aufgabe des Lehrers
ist es, Lernprozesse vorzubereiten und in Gang zu setzen sowie
die Schüler zu beraten. Außerdem sollte er, wo es pädagogisch
sinnvoll und notwendig ist, auf die Zusammensetzung der Teams
Einfluss nehmen.
Freiarbeit (= Einzelarbeit)
Die Schüler der Klasse beschäftigen
sich im jeweiligen Fach gleichzeitig mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen.
Beispiel Deutsch: Es werden Aufgaben aus den Bereichen Lesen,
geistiges Erfassen, Rechtschreibung, Grammatik, Formulieren, Schreiben
zur gleichen Zeit bearbeitet. Die Aufgaben sind beispielsweise
auf folierten Karten (größere Haltbarkeit!) die sich
entsprechend ihrem Schwierigkeitsgrad unterscheiden, formuliert.
Die Schüler bearbeiten die Aufgaben ihrer speziellen Begabung
und ihren Neigungen entsprechend. Die Aufgabe wird also nicht
mehr vom Lehrer vorgegeben, sondern die Schüler entscheiden,
welche Aufgaben aus einer bestimmten Aufgabengruppe sie in welcher
Reihenfolge bearbeiten wollen. Aufgabe des Lehrers ist es, zu
beobachten und dem einen oder anderen Schüler nahezulegen,
auch weniger "attraktive" oder schwierigere Aufgaben
auszuwählen.
Lernzirkel (= spezielle Form der Freiarbeit)
Vergleichbar dem Zirkeltraining im Sport erarbeiten
die Schüler einen Themenbereich, in dem sie mehrere Lernstationen
durchlaufen. Der Lehrer stellt entsprechendes Material, das zur
Bearbeitung der einzelnen Stationen nötig ist, zur Verfügung.
Teamarbeit mit gleicher und unterschiedlicher
Aufgabenstellung
Die beschriebenen Formen der Freiarbeit sind
in modifizierter Form grundsätzlich auch als Gruppen- bzw.
Teamarbeit möglich. Entsprechend der besonderen Form der
Teamarbeit entscheiden die Mitglieder des Teams gemeinsam die
Auswahl der Aufgaben, Lösungswege und die Form der Präsentation
der Ergebnisse. Sofern eine Arbeitsteilung in der Gruppe notwendig
sein sollte, bestimmt die Gruppe diese selbst.
Lernen durch Lehren (LdL)
Bereits in der Unterstufe sind, wie einschlägige
Fortbildungsveranstaltungen gezeigt haben, einfache Formen des
Prinzips Lernen durch Lehren anwendbar. Schüler übernehmen
Aufgaben, die bisher vom Lehrer wahrgenommen wurden z.B. bei der
Verbesserung der Hausaufgabe, beim Abfragen von Vokabeln und Grammatikformen,
bei der Vorstellung eines neuen Stoffes usw.
Für welche der genannten Unterrichtsformen
sich der Lehrer entscheidet, bleibt ihm überlassen. Das Fach,
der jeweiligen Themenbereich, die Unterrichtssituation und die
fachlichen und pädagogischen Zielsetzungen werden die Auswahl
bestimmen. Auf diese Weise bleibt nicht nur die Individualität
der einzelnen Lehrerpersönlichkeit gewahrt, sondern der Lehrer
kann im Vergleich zu bisher auf ein wesentlich umfangreicheres
methodisch-didaktisches Angebot zurückgreifen.
Schlussbemerkung
Ich möchte es nicht versäumen, mich
an dieser Stelle ganz persönlich und im Namen des Kollegiums
und des Elternbeirates für die spontane Zustimmung und das
große Vertrauen, das Frau Staatsministerin Monika Hohlmeier
und der Leiter der Abteilung Gymnasium im Bayerischen Staatsministerium
für Unterricht und Kultus, Herr Ministerialdirigent Dr. Pütterich
dem Kurt-Huber-Gymnasium entgegengebracht haben, zu danken. Danken
möchte ich aber auch dem Elternbeirat des Kurt-Huber-Gymnasiums
mit seinem Vorsitzenden Herrn Dr. Till Roenneberg für seine
Initiative und zahlreiche wertvolle Anregungen, die teilweise
auch in diesen Aufsatz Eingang gefunden haben, meinem Kollegium
für seinen Mut, Neues zu wagen und dabei keine Zeit und Mühe
zu scheuen und nicht zuletzt den Eltern, die ihre Kinder im Schuljahr
1999/2000 für eine Projektklasse angemeldet haben. Im Interesse
unserer Schüler hoffen wir auf ein gutes Gelingen.
Dr. Hans-Bernd Schmitz
Ehemaliger Schulleiter
am Kurt-Huber-Gymnasium Gräfelfing |