Das Böse Weibele


„Großmutter, erzähl mir noch einmal die Geschichte vom ,Bösen Weibele’. Bitte!“, bettelte Leonie ihre Großmutter an. Ihre Großeltern und sie saßen um den warmen Ofen in einer Hütte, die an einem Berg namens das „Böse Weibele“ in den österreichischen Alpen lag. „Also schön“, erwiderte die Großmutter, „ich erzähle sie dir noch einmal.“ Und die Großmutter begann zu erzählen, wie schon in so vielen kalten Winternächten:

„Vor langer, langer Zeit lebte hier um den Berg herum ein großes Volk. Es wurde lange Jahre von einem schlimmen König geknechtet. Dann begann das Volk sich zu wehren und ein Mann namens Gundolf stürzte den König und ließ ihn umbringen. So dachte das Volk, sein Leid sei zu Ende, denn Gundolf bestieg den Thron und herrschte gerecht über sein Reich. Doch der ermordete König hatte eine Mutter. Sie war ein altes Weib, das sich nach dem Tod ihres Sohnes zurückgezogen hatte und in einer Hütte nahe eines Fichtenwaldes hauste. Sie war garstig und verwünschte das Volk dafür, dass es ihren geliebten Sohn gestürzt hatte. Jeder ging ihr aus dem Weg und man erzählte sich, der Teufel hätte sie geschickt, denn sie besaß Kunde über verschiedene Zaubertränke und Giftgemische. Eines Tages, als das Volk einen Triumphzug für seinen König veranstaltete, kochte in der bösen Alten eine riesige Wut hoch. „Mein Sohn sollte jetzt gefeiert werden! Aber das Volk verehrt einen anderen! Dafür soll es büßen! Sie sollen zu spüren kriegen, wie es ist einen Sohn zu verlieren!“ Damit schwor sie sich jeden neu geborenen Knaben in der Stadt umzubringen. Sie ging jede Nacht um zwölf Uhr durch die Häuser, ganz still und leise, wenn alle schliefen, um nach Neugeborenen Ausschau zu halten. Jede Nacht flößte sie einem Knaben ihr Gift ein, dass sein kleiner Kopf schlaff zur Seite kippte und sie sich freuen konnte. Es war grausam, jeden Morgen aus einem anderen Haus das Wehklagen einer jungen Mutter zu hören.

So ging das viele Tage und Monate, bis die letzte Nacht des Jahres kam und das alte Weib sich wieder aufmachte. Die Königin hatte am Abend einen Knaben zur Welt gebracht und deshalb machte sich die Alte auf den Weg zum Palast. Sie kannte von den Zeiten, in denen ihr Sohn noch König gewesen war, einen kleinen Geheimgang ins Schloss hinein. So musste sie nicht an den Wachen vorbei. Sie schlich sich an dem Gemach des Königs und der Königin vorbei ins Kinderzimmer. Dort schlief in einer Wiege tief und fest der kleine Prinz. Sie lächelte. Jetzt sollte der König für den Mord an ihrem Sohn Buße tun. Sie holte ein kleines Fläschchen mit einer grünen Flüssigkeit unter ihrem Mantel hervor und setzte es an dem Mund des schlafenden Säuglings an. Da tat es einen leichten Schlag und das Zimmer war in grünes Licht getaucht. Das Weib erschrak und vergaß sogar, die tötende Flüssigkeit in das Mündchen des Säuglings zu schütten. Vor ihr stand der Hüter des Berges, ein alter Greis mit langem weißem Bart. „Wage es nicht!“, rief er „Du hast schon so viel Schlimmes getan, nun soll es ein Ende haben. Du sollst für immer in diesem Berg eingesperrt sein! Dann hat das Leid des Volkes ein Ende!“ So geschah es auch. Man hörte es donnern und krachen und die Alte war verschwunden und wurde nie wieder gesehen!“

Die Großmutter hatte geendet und holte tief Luft. „Großmutter, glaubst du, dass sie wirklich im Berg ist ?“, fragte Leonie. „Die Leute erzählen sich, dass man sie manchmal schreien hört, aber man muss nicht alles glauben, was einem die Leute erzählen!“

Juliane Kotzur

Zurück zur Übersicht!!!