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EMMA-Aktionen

"Wir sind doch nicht rassistisch - oder?"

Unser zweiter Workshop zu Rassismus und kritischem Weißsein

 

Auch fast ein Jahr nach unserer Reise nach Tansania lassen uns und auch weitere Mitglieder der Tansania AG die Themen, mit denen wir auf der Reise konfrontiert wurden, nicht los: Weißsein, Rassismus, Kolonialismus, Privilegien, Vorurteile. Aber wir, wir sind doch nicht rassistisch. Oder?
Jeder von uns ist schon mal schwarzgefahren. Und in der Grundschule haben wir „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ gespielt. Sind wir damit rassistisch? Was ist Rassismus? Und was ist eigentlich kritisches Weißsein?
Besonders angesichts der aktuellen Ereignisse in den USA Themen und Fragen, die akuter nicht sein könnten, auch wenn wir das gerne mal verdrängen.

Bei unserem zweiten Seminar mit der BtE Referentin (Bildung trifft Entwicklung: eine bundesweite Plattform für Globales Lernen) Christina Pauls – diesmal allerdings gezwungener (aber gelungener!) Maßen online –haben wir uns also mit all diesen Fragen beschäftigt. Via Videokonferenz und einiger Websites haben wir zu rund zwanzigst am 24. Mai zweieinhalb Stunden lang gemeinsam diskutiert, reflektiert, gelernt und überlegt.

 

Was bedeutet Weiß zu sein eigentlich für uns? Bei einem Brainstorming mithilfe einer Wordcloud stand für viele im Mittelpunkt, dass es bedeutet, Privilegien zu haben. Es ist eine Bürde und Verpflichtung, hat etwas mit Kolonialismus und Rassismus zu tun. Es bedeutet Vorurteile, Macht, Chancenungleichheit, eine Sonderrolle und ist erstmal nicht veränderbar. Krasse Unterschiede, die sich auftun zwischen Menschen, die doch eigentlich gleich viel wert sind. Dadurch zeigt sich schon, dass „kritisches Weißsein“ so viel mehr als nur eine Hautfarbe ist – es ist ein System von Macht und Privilegien. Daher schreiben wir in dem Fall Weiß und Schwarz auch groß, um deutlich zu machen, dass es um Zuschreibungen innerhalb dieses Systems geht und nicht um „Farben“.

 

Und jetzt nicht „Na schön und gut, aber solchen Rassismus gibt es ja in Deutschland nicht. Also was machen wir nun aus der Erkenntnis?“ denken, denn sich dessen bewusst zu werden, ist schon ein ganz wichtiges Ziel des kritischen Weißseins. Denn es geht um eine Demaskierung der weißen Privilegien und Aufhebung ihrer Unsichtbarkeit und um ein Bewusstmachen der Zugehörigkeit zur dominanten Weißen Gruppe. Dass wir mit unserem einen kleinen Webinar die Welt nicht verändern können, ist uns klar, aber unsere eigene Welt verändert die Auseinandersetzung mit diesem Thema auf jeden Fall. Denn solche Themen gehen einem nahe, besonders Gespräche mit von Rassismus betroffenen Schwarzen Menschen und People of Colour wie Zouzou, dem Mann von Christina Pauls, mit dem wir uns bei dem Webinar auch unterhalten konnten und der von seinen Erfahrungen mit Rassismus hier in Deutschland erzählt hat, z.B. dass er unglaublich oft als einzige Person in einer großen Gruppe von Polizisten kontrolliert wird und ihm unterstellt wird, etwas gestohlen zu haben.

 

Irgendwann waren wir dann an einem Punkt, an dem man den Rassismus auch in Deutschland einfach nicht mehr leugnen konnten – das fängt im ganz Kleinen bei Wörtern wie schwarzfahren an (hier schwingt mit: schwarz = negativ) geht z.B. bei Kosmetikprodukten weiter, bei denen Foundation nicht in der Hautfarbe von Schwarzen Menschen und People of Colour zu bekommen ist bis hin zu mikroaggressiven Äußerungen wie beispielsweise der wiederholten Nachfrage an Schwarze Menschen und People of Colour „Woher kommst du wirklich?“.

 

Und dann haben wir uns doch die Frage „Und was machen wir nun mit unseren Erkenntnissen?“ gestellt – und gemeinsam nach ganz handfesten Lösungsansätzen gesucht, nach Wegen, wie wir im Alltag anders, vielleicht besser, damit umgehen können und sie auf einer digitalen Pinnwand gesammelt: Hingucken, reden, zuhören, aufklären, hinterfragen, sich immer weiter über Rassismus informieren, auf andere offen zugehen und sie freundlich behandeln, reisen und sich mit anderen Kulturen, Sprachen etc. auseinandersetzen, über den deutschen Kolonialismus z.B. auch in der Schule aufklären bzw. kritische Fragen dazu stellen und vor allem mit all diesen Dingen nie aufzuhören.

 

Denn wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern; wie es so schön mutmachend heißt. Genau das Gefühl hatten wir nämlich auch am Ende unseres Webinars – es macht Mut und Hoffnung, dass wir gemeinsam auf diesem Weg sind und ihn auch weiter gehen wollen.

Maren Mitterer, 10a


Kick-off Workshop zum Kolonialismus

In unserem Kick-off Workshop zum Kolonialismus am Samstag den 7.12. mit Christina Pauls (Referentin bei „Bildung trifft Entwicklung“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Augsburg am Lehrstuhl für Friedens- und Konfliktforschung) haben wir uns mit den Privilegien des Weißseins beziehungsweise dem Weiß- oder Schwarz-Sein auseinandergesetzt.

Der Workshop begann damit, dass wir uns verschiedene Bilder, welche in Afrika aufgenommen wurden, angeschaut haben. Wir sollten uns ein Bild aussuchen, welches uns ansprach und gefiel. Zusammen beschrieben wir sie dann und äußerten uns kritisch dazu. Auf einem dieser Bilder war z.B. eine Frau, die auf einem Stuhl vor einem Haus saß und eine Zeitung las. Auf uns wirkte das Bild sehr gemütlich und einladend. Bald darauf kam aber auch der Aspekt auf, dass sich die Frau vor den Blicken und Fotos verstecken könnte. Viele sehen es als selbstverständlich an, in fremden Ländern Fotos von der Bevölkerung zu machen ohne sie jedoch zu fragen. Uns selbst würde dies auch nicht unbedingt gefallen. Auf einem anderen Bild war ein schwarzer älterer Mann zu sehen. Eine weiße Frau zeigte ihm ein Bild auf einem Fotoapparat. Zunächst waren wir alle der Meinung, dass es toll ist, dass die Frau dem Mann etwas zeigt und mit ihm etwas teilt. Doch schon bald kam die Frage auf, warum der Mann der Frau nichts zeigt? Oft sieht man nur wie weiße reiche Menschen schwarzen armen Menschen etwas zeigen. Aber warum sollte es nicht andersherum sein? Warum sollten wir nichts von anderen lernen, sie aber alles von uns? Diese Übung ließ uns unsere Vorurteile reflektieren und regte uns zum Nachdenken an.

Besonders beeindruckt hat uns auch folgendes Spiel: Jeder von uns erhielt einen Zettel, auf dem Informationen über eine Person standen, deren Rolle wir annehmen sollten. Wichtig war, dass zu Beginn niemand sonst von der eigenen Rolle erfahren sollte. Danach hatten wir mehrere Minuten Zeit, uns in unsere jeweiligen Rollen einzufinden. Wir sollten nicht nur die Identität dieser Personen annehmen, wir sollten diese Personen werden. Welche Gedanken sie haben könnte, wie ihre Kindheit wohl war, all diese Informationen standen uns frei, selbst zu entscheiden. Dann sollten wir uns in einer geraden Linie nebeneinander aufstellen. Es wurden Aussagen vorgelesen, und wenn wir dachten, dass sie auf uns zutrafen, sollten wir jeweils einen Schritt nach vorne treten. Die Aussagen waren beispielsweise: Du hast als Kind regelmäßig die Schule bis mindestens zur 9. Klasse besucht. Du lebst in einem Haus mit Telefon-, Fernseher- und Internetanschluss. Du kannst im Bus deine Sprache sprechen, ohne dass Fremde abwertend reagieren. Wenn du zur Polizei gehst, um einen Diebstahl anzuzeigen, wirst du dort fair behandelt. Du kannst mindestens einmal pro Jahr in einem beliebigen Land Urlaub machen.

Ich hatte die Identität eines reichen Unternehmers. Ich konnte bei fast jeder Frage einen Schritt nach vorne machen und am Ende war ich eine der vordersten. Als es dann keine Aussagen mehr gab, habe ich mich zum ersten Mal umgedreht, um zu sehen wo die anderen stehen. Sie waren im ganzen Raum verteilt, viele waren eher im hinteren Bereich und es gab auch welche, die keinen einzigen Schritt nach vorne gegangen waren. Während der Aussagen habe ich immer nur nach vorne geschaut, ich wollte immer mehr und ich habe mich gut gefühlt einen Schritt zu machen. Dabei habe ich nicht auf meine Mitmenschen geachtet, und wie sie mit jedem Schritt, den sie nicht gehen durften, trauriger wurden.

An unseren Plätzen stehend enthüllten wir unsere Identitäten. Die Personen, die weiter vorne standen, waren fast allesamt weiße Menschen, die wir wahrscheinlich als Mittelschicht beschreiben würden. Im Mittelfeld waren Personen, die bei uns den Stellenwert haben, ein schweres Leben zu haben, wie zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter mit einem Job im Supermarkt. Aber im Vergleich zu anderen waren sie ziemlich weit vorne. Die Personen, die ganz hinten standen, waren z.B. illegale Einwanderer und Arbeiterinnen in Fabriken in Bangladesch. Man konnte eine klare Abgrenzung zwischen unseren Charakteren erkennen. Danach haben wir uns hingesetzt und über diese Erfahrung geredet, die Personen die hinten bleiben mussten, erzählten wie einschüchternd und deprimierend es war, uns anderen zuzusehen, wie wir vorgegangen sind, während sie selbst nicht einmal einen Schritt machen konnten.

Leider ist dieses Spiel die Realität. Die privilegierten Menschen, zu denen ich uns definitiv dazuzähle, wollen immer mehr, während sie Menschen, die weniger haben, zurücklassen, auch wenn dies manchmal unbewusst geschieht. Wir sehen immer nur unser Ziel und wollen immer weiter nach vorne, sodass wir aus den Augen verlieren, was wichtig ist und zwar anderen zu helfen, die woanders geboren sind und deswegen vielleicht weniger Privilegen haben als wir. Wir können nicht beeinflussen, in welchem Land oder unter welchen Umständen wir geboren sind, und genau deswegen ist es wichtig, genau solchen Menschen zu helfen, da wir es auch hätten sein können.

Außerdem haben wir uns noch mit unseren Privilegien beschäftigt, wie z.B. fließendes Wasser und immer einen Nahrungsvorrat zu haben. Bei einer Art „Spiel“ bekam jede*r einen Zettel, auf dem eines unserer Privilegien draufstand. Privilegien, von denen uns vorher meist nicht bewusst war, dass andere Menschen auf der Welt sie nicht besitzen, wie z.B. das Recht für die eigene Meinung einzutreten oder sich seinen Beruf frei auszuwählen. Alles Sachen, von denen man denkt, dass sie selbstverständlich sind. Sie sind auch selbstverständlich, aber eben nur für uns, in anderen Teilen der Welt sind dies manchmal schier unerreichbare Privilegien.

Wir freuen uns schon darauf, uns in weiteren Workshops gemeinsam mit Christina Pauls noch weiter mit dieser Thematik und auch dem Kolonialismus selbst zu beschäftigen. Ganz herzlichen Dank für den tollen Workshop!

Katharina Kaindl, Magdalena Kersten und Liv Meiners, 10d