KURT-HUBER-GYMNASIUM

gegründet 1936

Professor Kurt Huber

Geb. 24.10.1893 in Chur in Graubünden, Sohn deutscher Eltern. Er wuchs in Stuttgart auf. Als Kind und Schüler bastelte er gern, spielte Klavier und komponierte. Mit 12 Jahren verfasste er schon ein Märchenspiel, komponierte die Lieder, Chöre und Instrumental­musik dazu. 1912 übersiedelte die Familie nach München.

An der Universität studierte er Musikwissenschaft, Philosophie, Psychologie; Doktortitel 1917 summa cum laude, 1926 a.o. Pro­fessor.

 

Wissenschaft und Forschung:

Musikwissenschaft: Bücher über Musik der Renaissancezeit, Forschungen über Probleme der Akustik, Psychologie und Musik, Motive der Melodieführung

Volksliedforschung: Einer der bedeutendsten Forscher auf die­sem Gebiet, "Typologie des deutschen Volksliedes - Volkslied und Volkstanz im bayerischen Raum. Zusammenarbeit mit dem bekann­ten Liedersammler Kim Pauli aus Kreuth bei Rottach.

Mit ihm zusammen wurden Forschungsfahrten in Ober- und Niederbayern unternommen. Das Ergebnis ist das Nieder­bayerische und das Oberbayerische Liederbuch, eine Grundlage für die heutige Volksliedpflege (Annette Thoma, Fanderl Wastl, Riederinger Buam etc.).

Philosophie: Im Mittelpunkt der Forschung: Leibniz. (deutscher Philosoph, 1646-1716, 1700 Präsident der Akademie der Wis­senschaften in Berlin, Erfinder d. Integral- u. Differential­rechung, Rechtsgelehrter, Physiker, Historiker, Philosoph-­Monadenlehre, "prästabilierte Harmonie", "Theodicee"). Die Arbeit an der Leibniz-Biographie führte er noch im Gefängnis bis zu seinem Tode weiter.


Widerstand gegen en den Nationalsozialismus

Kuert Huber konnte sich in erster Linie mit der Zerstörung des Rechtes und der Unterdrückung der geistigen Freiheit nicht abfinden, da­zu kam die Abscheu vor den Greueltaten in den besetzten Ländern. 1942 nahm er mit dem Kreis der Studenten um die Geschwister Scholl (Hans, Sophie), mit Christoph Probst, Willi Graf, Alexan­der Schmorreh Verbindung auf. Diese Studenten der Universität München empörten sich, ebenso wie Kurt Huber, über die Willkür der Partei, über das sinnlose Hinschlachten der dt. Soldaten in einem aussichtslosen Krieg, über die Katastrophe in Stalingrad. Die Gruppe der "Weißen Rose" verfasste und verteilte Flugblätter und riefen zur Sabotage und zum Widerstand auf. Sabotage der Rüstung und Kriegsindustrie, Sabotage der Partei und ihrer Anordnungen, gegen jegliche Fortführung des Krieges; "nicht der militärische Sieg über den Bolschewismus darf die erste Sorge für jeden Deut­schen sein, sondern die Niederlage der Nationalsozialisten".

Am 18. Februar 1943 warfen Sophie und Hans Scholl das von K.H. verfasste Flugblatt in den Lichthof der Münchner Universität, sie wurden dabei festgenommen, am 22. Februar zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet. Am 27. Februar wurde Kurt Huber verhaftet, am 19. April war die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Freisler. Das Todesurteil wurde am 13. Juli 1943 vollstreckt. Begründung des Urteils: Sabotage der Rüstung, Propaganda defätistischer Gedanken, Beschimpfung des Führers, Begünstigung des Feindes, Zersetzung der Wehrmacht.

"In memoriam Kurt Huber" - Gedenkrede anlässlich der Feier der Namenverleihung für das Realgymnasium Gräfelfing am 2. Februar 1966, gehalten von Oberstudienrat H. Betz

Nach dem Düsseldorfer Abkommen vom 28. 10. 1964 erhielten die Höheren Schulen die gemeinsame Bezeichnung "Gymnasien". Damit entfiel bei einer Reihe von Schulen in ihren Namen die klare Unterscheidung gegenüber anderen; und so ergab sich auch die Notwendigkeit für das Realgymnasium Gräfelfing, einen würdigen Namen zu finden.

Prof. Kurt Huber war Gräfelfinger Bürger vom 8. 10. 1938 bis zu seinem Tode 1943. Es war für die Schule und den Gemeinderat daher eine Selbst­verständlichkeit, dass das Andenken dieses großen, tapferen Mannes auf diese Weise geehrt werden sollte.

Gerade eine Schule kann im Leben und Wirken von Kurt Huber Vorbild und Verpflichtung erkennen, denn es handelt sich bei ihm um den außerordentlichen, gewiss nicht häufigen Fall, dass ein deutscher Professor, ein akademischer Lehrer, das äußerste Risiko wagt. Arbeiter, Politiker, Geistliche, Offiziere haben sich gegen die Diktatur aufgelehnt. In München hat ein einzelner Philosophieprofessor zusammen mit einigen Studenten für die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und natürlicher sittlicher Ordnung seine Stimme erhoben. Er forderte ganz einfach das Selbstverständliche, aber es gibt Zeiten, in denen die selbstverständliche Menschlichkeit nicht zu verwirklichen ist; und wer den Nebel der Propaganda zu durchdringen und den Schleier der Lüge zu zerreißen wagt, wird zum Märtyrer. - So verehren wir in Prof. Huber den Denker und Wissenschaftler und den beispielhaften Bekenner und haben für unsere Schule einen Mann als Vorbild erwählt, der sich selbst getreu bis zum Tode war.

Er wurde am 24. Oktober 1893 zu Chur in Graubünden als Sohn deutscher Eltern geboren. Vier Jahre danach übersiedelte die Familie nach Stuttgart. .Kurt Hubers Vater war ein hochangesehener Pädagoge; so wuchs der Junge in einem kunstsinnigen, geistig anregenden Milieu auf. - Am Gymnasium zeigte sich seine Begabung für natur- und geisteswissenschaftliche Fächer. Zu Hause spielte er viel Klavier, komponierte und bastelte er. Er war sich bald darüber klar geworden, dass er sich der wissenschaftlichen Tätigkeit widmen wollte. Insbesondere mit Musikwissenschaft, Philosophie und Psychologie beschäftigte er sich dann an der Universität München. 1917 erwarb er den Doktortitel summa cum laude, 1920 habilitierte er an derselben Universität, 1926 wurde er außerordentlicher Professor.

Bevor man es unternimmt, die wissenschaftliche Arbeit Prof. Hubers zu würdigen, muss man von dem Lehrer, dem Meister des Wortes und dem begeisternden Anreger sprechen. Er war zwar ein scharfer, kritischer Denker, der die knappe, präzise Form des sprachlichen Ausdrucks und strenge Logik der Gedankenführung anstrebte und auch seinen Studenten abverlangte; jedoch die Strenge des Denkens war nicht scholastische Trockenheit, sondern Anstoß zu weiteren Fragen und führte zur geistigen Auseinandersetzung mit den Problemen. - Ehemalige Schüler sind Prof. Huber für immer dankbar für die stete Bereitschaft zu einem persönlichen. Gespräch, für die freundschaftliche Ermunterung, so dass jede Begegnung zu weiterer Vertiefung in die Fragestellung anregte. Auf diese Weise erwuchs in der Schule Kurt Hubers die sokratische "Tugend" - das ist der sittlich unerschütterliche Charakter - auf dem Boden geistiger Einsicht. In den schwersten Prüfungen und angesichts des Todes bewährte sich diese Tugend.

Prof. Huber bearbeitete ein weites Feld wissenschaftlicher Probleme, die auf den ersten Blick nichts Gemeinsames zu haben scheinen, deren innerer Zusammenhang sich jedoch für einen so vielseitigen und dabei doch tief in die Fragestellungen eindringenden Geist zwangsläufig ergab. - Von der anfänglicher: Beschäftigung mit musiktheoretischen Fragen des 16. Jahrhunderts wandte er sich der Musikpsychologie, der Vokallehre und insbesondere der Volksmusik, dem Volkstanz und der Volksliedforschung zu. In seiner Musikästhetik hat er Wesentliches zur Systematik beigetragen. Es ist bezeichnend, wie er über die Frage der Methode, der typologischen Einzeluntersuchung und Kategorienlehre zu einer Wesensbestimmung des Ästhetischen überhaupt gelangt. So führten ihn seine Untersuchungen zu Kants, Herders, Schellings und Hegels Ästhetik bis schließlich zu den Fragen einer "höheren Offenbarung" in der Kunst (ein von ihm interpretiertes Beethovenwort), in welcher Musik und Kosmos einander entsprechen. ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist Kurt Huber besonders durch seine Volksliedforschung. Im Volkslied sah er nicht nur einen Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit, sondern die reinste Gestalt und Ausdrucksweise des unverfälschten Volkscharakters in der Spannweite von Geburt, Liebe, Tod, von Arbeit, Freude, Leid und religiösem Glauben. - Auch in der theoretischen Volksliedforschung interessierten ihn - so wie in seiner Ästhetik - vorwiegend die Probleme einer Liedtypologie und Katalogisierung von Melodien.

Aber dabei blieb es nicht. Kurt Huber war eine durch und durch musikalische, ja musikantische Natur. So zeichnete er, begabt mit dem absoluten Gehör, draußen auf dem Land, bei den Bauern, die Melodien auf und sammelte und edierte als erste Frucht dieser Arbeit die "Niederbayerischen Volkslieder". Was Wunder, dass er schon 1925 mit dem unvergesslichen Kiem Pauli zusammenarbeitete und mit ihm 1930 das "Oberbayerische Liederbuch" und später das "Altbayerische Liederbuch" herausgab. Professor Alexander von Müller würdigte dieses Zusammenwirken einmal mit folgenden Worten: "Wie 1936 ein großer europäischer musikwissenschaftlicher Kongress in Barcelona war, warum haben da die Gelehrten Kurt Huber zum Präsidenten gewählt? Das war nicht nur, weil er ein Musikpsychologe und Musikhistoriker ersten Ranges war, ein musika­lisches Genie; sondern es kam vor allein daher, dass die Volksliedforschung bei ihm keine bloße Bücherweisheit war." In Zusammenarbeit mit Carl Orff entstand in Gräfelfing noch eine Samm­lung von Liedern und Tänzen aus dem bajuwarischen Raum mit dem Titel "Musik der Landschaft". Als schon der Terror der Gewaltherrschaft Kurt Hubers Gemüt immer mehr verdüsterte, spielte ihm sein Freund noch die damals entstehenden Camina Carmina vor und erörterte den Entwurf der "Bernauerin" mit ihm. Dann erfüllte sich das Schicksal Kurt Hubers - und Orff setzte auf die letzte Seite der Partitur "In memoriam Kurt Huber".

Die letzte Frucht seines Schaffens waren die Studien um Leibniz. Grundsätzliches führte er schon in den Aufsätzen "Leibniz, der Deutsche und Europäer" und "Leibniz und wir" aus. Hubers universaler Geist fühlte sich zum Polyhistor des barocken Zeitalters hingezogen. Er arbeitete den Gedanken Leibnizens von der Einheit in der Mannigfaltigkeit im Bilde der musikalischen Harmonie besonders heraus, wobei er darauf hinwies, dass kein Allgemeines selbständige Existenz habe und dass nur das Einzelne in Wahrheit wirklich sei. Er schreibt: "In der schlichten Perzeption der niedersten Monade, in der sinnlichen Empfindung der Tiere, in der vom Selbstbewusstsein getragenen gedanklichen Erkenntnis der Geister vollendet sich das System einer Selbstoffenbarung Gottes in seinen geschaffenen Substanzen, der Entfaltung der unendlichen Einheit in der Vielheit und harmonischen Mannigfaltigkeit eines Universums."

Der Gelehrte weist mit Nachdruck immer wieder auf seine individualistische Auffassung einer vorausbestimmten Harmonie aller Individuen untereinander im Weltganzen hin. Im Zeitalter der sogen. Vermassung, des "Persönlichkeitsverlustes" und des staatlichen und weltanschaulichen Totalitaris­mus ist das eine Individualmetaphysik, die dem Menschen helfen könnte, sich selbst wieder in seiner Identität richtig zu begreifen. Noch im Gefängnis in Stadelheim arbeitete Huber angesichts der Hinrichtung an seiner Leibnizbiographie, die zwar nicht vollendet werden konnte, aber doch in ihrer durchdringenden Klarheit ein kongeniales Einverständnis mit dem Werk Leibnizens darstellt. Die wissenschaftliche Arbeit konnte nicht mehr abgeschlossen werden. - Seit Kriegsbeginn schon verbitterten den Professor immer mehr die Gewaltmaßnahmen und Greuel der Nazidiktatur, die persönliche Unzulänglichkeit und der windige Charakter der sogenannten Führer. Huber war ein Mensch, der echte Größe und edle Gesinnung schätzte, der aber angeekelt war vom niedrigen Treiben des Ungeistes. Nationale Würde und Vaterlandsliebe waren für ihn hohe und unumstrittene Werte, er bekannte sich zu einem Deutschland der Kultur, Gesittung und Humanität. So musste er in Konflikt geraten mit den Vertretern einer diabolischen, inhumanen, geistfeindlichen und die Freiheit versklavenden. Weltanschauung. Im Sommer 1942 wurde er mit den Geschwistern Scholl, Sophie und Hans, und ihren Freunden bekannt. Ihnen allen war klar geworden, dass durch die Schikanen und die Gewaltherrschaft der Partei, durch das Massenmorden der SS der deutsche Name entehrt wurde und dass die Knebelung der geistigen Freiheit unerträglich geworden war. So verfestigte sich immer mehr der Gedanke an den Widerstand der studentischen Jugend gegen die Diktatur. Die Flugblätter der "Weißen Rose" sind Mahnrufe gegen die Apathie der Deutschen, ein Aufrütteln des Gewissens, sie sind ein Appell an die Menschenwürde im Geiste des Aristoteles, Goethes, Schillers, Fichtes, Laotses. Immer drängender werden die Aufrufe zum passiven Widerstand, zur Sabotage. "Jeder ist schuldig, schuldig, schuldig!" - "Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die "Weiße Rose" lässt Euch keine Ruhe!"

Erschüttert von der Katastrophe von Stalingrad gibt Prof. Huber in dem Flugblatt von 9. Februar 1943 seinem flammenden Protest gegen die Sinnlosigkeit des Krieges Ausdruck: Am 18. Februar werfen die Geschwister Scholl die Vervielfältigungen dieses Flugblatts in die Menge der Studenten, die sich im Lichthof der Universität München aufhalten. Beide, dazu ihr Freund Christoph Probst, werden festgenommen, am 22. Februar zum Tode verurteilt, am selben Tag noch hingerichtet.

Kurt Huber wird am 27. Februar verhaftet, ebenso seine Gattin mit seinen Schwestern. Am 19. April beginnt die Gerichtsverhandlung unter dem Vorsitz des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler. Nach einer Verhandlung mit entehrenden Beschimpfungen und Verleumdungen wird das Urteil gefallt: "Alexander Schmoren, Kurt Huber und Wilhelm Graf haben im Kriege in Flugblättern zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Lebensform unseres Volkes aufgerufen, defätistische Gedanken propagiert und den Führer aufs gemeinste beschimpft und dadurch den Feind des Reiches begünstigt und unsere Wehrmacht zersetzt. Sie werden deshalb mit dem Tode bestraft. Ihre Bürgerrechte haben sie für immer verwirkt." - Das Urteil wurde jedoch nicht gleich vollstreckt.. So nahm Kurt Huber noch die Gelegenheit wahr, an seinem Werk zu arbeiten. Der katholische Gefängnisgeistliche, Pfarrer Brinkmann, schreibt über die Tätigkeit dieser letzten Wochen und Tage: "Als geistiger Exponent der Universität München arbeitete er fieberhaft an der Vollendung eines Werkes über den Philosophen Leibniz. Wenn ich ihn in der engen Zelle am kleinen Tisch arbeiten sah, den sicheren Tod vor Augen, aber trotzdem die Feder, seine gefährliche Waffe, emsig und sicher über das Papier führend, dann war' mir das ein erschütterndes Bild von der geistigen Situation Deutschlands: Der Geist war eingekerkert und zum Tode verurteilt! Was für ein gewaltiger -sittlicher Einfluss von der Haltung dieses Christophorus auf seine jungen Klienten ausgegangen sein musste, bewiesen alle die, die mit ihm denselben Weg .gehen mussten. Wie ihr Meister wichen und wankten sie nicht und bekannten sich freimütig zu ihrem Schritt."

Am 13. Juli 1943 traf der Vollstreckungsbefehl ein, am selben Tag wurde Professor Kurt Huber hingerichtet.

Wir sehen, dass der Geist, dass wahre Bildung die Kraft haben kann, eine Lebenshaltung zu prägen, die den schwersten Prüfungen standhält. Immer wieder zeigt sich an leuchtenden Beispielen in der Geschichte der Menschheit, wie in sokratischen Naturen Freiheit des Geistes und Menschlichkeit über Tyrannei und Unmenschlichkeit triumphieren. Das Beispiel Kurt Hubers ist Verpflichtung für uns.

In der weltweiten Bedrängnis durch die Unfreiheit, durch die Angst, durch das Gefühl der Sinnlosigkeit vermag aus dein Opfer eines Einzelnen ein Sinn zu erstehen. Auf die Frage nach den sinngebenden Grundmächten des Lebens antwortete Ernst Jünger in seiner Schrift "Über die Linie".

"Heute wie jemals sind die Menschen, die den Tod nicht fürchten, unendlich überlegen auch der größten zeitlichen Macht. Die Machthaber leben immer in der entsetzlichen Vorstellung, dass nicht nur einzelne, sondern viele aus der Furcht heraustreten könnten; das wäre ihr sicherer Fall. Doch ein Mensch genügt als Zeuge, dass die Freiheit noch nicht verschwunden ist; wir bedürfen seiner."